Benutzername: Passwort:

Haben Sie Ihre persönlichen Daten vergessen?

 

bei der JVO suchen


 

Naturschutz

 

Der Wald ist Wohnung, der Mensch ist Gast!


Wildtiere verbrauchen bei panikartiger Flucht die fünffache Energie. Permanente Störungen des Menschen führen zu Dauerstress und Mangelernährung

„Der Wald ist Wohnung – der Mensch ist Gast!“
Diese Mahnung fordert an einem stark belaufenen Wanderweg im Alpenvorland den Menschen zur Mäßigung auf. Tatsächlich hat der Mensch nie im geschlossenen Wald gewohnt. Die alten Siedlungen lagen auf Kuppen oder Hangterrassen. Der Mensch suchte Sicherheit vor der gefährlichen Natur. Er mied daher die Auen und Sümpfe der Talniederungen und die undurchdringlichen Wälder. Mit Zunahme der Bevölkerung kultivierte der Mensch immer mehr Land. Auen und Sümpfe wurden trockengelegt, Wälder gerodet. Es folgte die Anlegung von Verkehrswegen und der Bau von Siedlungen. Land und Wald bekamen ihre Eigentümer. Jeder Quadratmeter Boden, egal ob Feld, Wald oder Ödland gehört heute jemandem.

Der Mensch, der den Wald besucht ist Gast. Der Waldeigentümer ist der Gastgeber, er öffnet den Wald für den Besucher zu dessen Erholung. Die Rolle des Gastes sollte jedoch immer den Respekt vor Grundregeln des menschlichen Zusammenlebens voraussetzen. Wem würde es beispielsweise einfallen, als Gast in der Wohnung eines Mitmenschen durch alle Zimmer zu laufen, den Gastgeber aus dem Bett zu werfen und sich selbst mit Nahrung zu bedienen?

Oder doch? Wer sich selbst täglich in der freien Natur befindet, dort arbeitet oder die Vorgänge beachtet, kann kaum noch einen Funken von Respekt erkennen. Nicht nur die tourismusabhängigen Bergregionen, sondern auch die heimischen Feld- und Waldgebiete werden zunehmend als Freizeit und Fitneß-Terrain in Anspruch genommen. Natur wird genutzt, gebraucht und verbraucht. Immer seltener mit Rücksicht, immer weniger schonend und kaum umweltbewusst und naturschützend. Mal auf vorgezeichneten Wegen und öfter auch mal daneben, wird die freie Natur erobert.
Wer im Frühjahr und Sommer Wege verlässt, oder abgelegene Gebiete aufsucht, stört Vögel auf ihren Gelegen, stöbert Jungwild in der Kinderstube auf und vergrämt die Alten. Viele Menschen ahnen nicht, was sie anrichten, weil sie es nicht sehen. Alle – wirklich alle Hunde jagen oder würden es gerne. Dies ist ihr Urtrieb. Und selbst wenn ein Hund „nur“ Wild aus der Deckung vertrieben hat, so wirkt seine Duftspur noch Stunden später nach und hindert die Tiere daran, in ihr gewohntes Tagesversteck zurück zu kommen.

Gerade Wiederkäuer, wie Reh und Hirsch brauchen einen regelmäßigen Tagesablauf mit Äsungs- und Ruhezeiten. Störungen durch den Menschen führen zu panikartiger Flucht, die mit einem gewaltigen Energieverbrauch verbunden ist. Dem steht immer wieder eine verminderte Nahrungsaufnahme gegenüber. Die gestressten Rehe und Hirsche ziehen sich in den dichten Bestand zurück und fressen das Wenige, das sie dort finden – Rinde und Knospen der Bäume. Hohe Schäden an den Bäumen sind die fatale Folge.

Der Energieverbrauch liegt bei flüchtendem Wild etwa fünfmal so hoch, als bei einer normalen Fortbewegung. Dies wirkt sich besonders dramatisch in den Wintermonaten aus, wenn die Tiere von den Reserven zehren müssen, die sie sich im Herbst angefressen haben.


Dauerstress, Mangelernährung und Gewichtsverlust machen die Tiere regelrecht krank. Die damit verbundene Schwächung wiederum macht sie anfällig für einen erhöhten Parasitenbefall. Untersuchungen von Wildbiologen haben zweifelsfrei ergeben, dass in Waldgebieten, die intensiv zur Naherholung genutzt werden, beispielsweise beim Rehwild der Befall von Lungen-, Darm- und Magenwürmern viermal höher liegt, als in störungsarmen Regionen. Dies zeigt sich auch am Gewicht der Tiere. So erreichen Rehböcke in störungsarmen Gebieten ein Durchschnittsgewicht von 20 Kilogramm, während sie in stark frequentierten Waldgebieten nur 15 Kilogramm erreichen. Wie ist so etwas möglich, in einem Land in dem der Tierschutz sogar Verfassungsrecht genießt und dessen politische Parteien um den Naturschutz wetteifern?

Die Probleme sind seit langem bekannt, es werden aber lediglich die Folgen, nicht die Ursachen bekämpft. Man kann eben nicht aus wahltaktischen Gründen immer mehr Landschaft für den Menschen erschließen, sich dann aber wundern, wenn dieser das Angebot wahrnimmt und Verbote missachtet werden. Immer wieder zeigt sich, dass Drohungen mit Sanktionen keine langfristigen Lösungen bringen. Vielmehr sollten diejenigen, die politische Verantwortung tragen, sich mehr damit beschäftigen, wie man den naturentfremdeten Menschen wieder dazu bringen kann, sich stärker mit dem Leben in der Natur auseinander zu setzen.

Drohungen und Sanktionen können keine langfristigen Lösungen bringen. Vielmehr müssen Eltern dem Menschen bereits im Kindesalter klar gemacht werden, was sein Verhalten in der Natur anrichtet. Erwachsene sollten gerade in der Notzeit selbst kritisch hinterfragen, ob sie eine Vorbildfunktion gegenüber Kindern erfüllen und auf was man verzichten könne. Dies fängt bei der modern werdenden "Waldweihnacht" an und hört beim "Böllern" im Wald anlässlich Grenzgängen zwischen Weihnachten und Neujahr auf.

Helmut Nickel
Jägervereinigung Oberhessen e.V.


 weiter zu >> Naturwissen  oder zurück zu Naturschutzmaßnahmen <<  - - - wechseln zur übergeordneten Seite Naturschutz


Unterpunkte dieser Seite:

Jägervereinigung Oberhessen e.V. - Verantwortung für Wild und Natur
© 2010-2011 JVO  ~ Impressum ~